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Neuigkeiten

18.05.2022

Emiliano Chaimite im Interview

Er kam als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR und begann in der Nachwendezeit, sich politisch zu engagieren: Emiliano Chaimite, Mitgeschäftsführer des Dachverbands Sächsischer Migrantenorganisationen e.V., unterstützt seit kurzem den Beirat eines unserer Projekte. Warum, das erzählt er hier im Interview.

Lieber Emiliano, für den Dachverband sächsischer Migrantenorganisationen sitzt du im Beirat des Projekts MigOst – Ostdeutsche Migrationsgesellschaft selbst erzählen. Wie bist du zu deinem Engagement gekommen und warum unterstützt du das Projekt?
Ich bin Anfang der 1990er Jahre nach Dresden gekommen. Nach der Wende hatte ich wie viele Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik, Vietnam und anderen Ländern keinen Aufenthalt und keine Arbeit mehr. Wir haben hier viel Unterstützung von der Kirche und Vereinen bekommen. Als dann 1991 in Dresden Jorge Gomondai rassistisch beleidigt, angegriffen, aus der Bahn gestoßen wurde und anschließend starb, wurde mir bewusst, wir müssen uns selbstorganisieren. Seitdem bin ich politisch aktiv. Erst im mosambikanischen Verein, lange im Integrations- und Ausländerbeirat Dresden. Nun bin ich seit gut 20 Jahren Vorsitzender des Afropa e.V. Verein für afrikanisch – europäische Verständigung, weil wir uns später gedacht haben: Wir können nicht nur unter uns bleiben, wir kommen gesellschaftlich nur gemeinsam voran.
Das Projekt MigOst ist für mich ein erster Schritt. Zusammen mit  Noa K. Ha haben wir uns dafür eingesetzt, dass die Migrationsgeschichte endlich nicht mehr nur aus westdeutscher mehrheitsgesellschaftlicher Sicht erzählt wird. Ich setze mich seit Jahren in Dresden und im Dachverband sächsischer Migrantenorganisationen e.V. auf Landesebene dafür ein, dass migrantische Stimmen mehr Gehör bekommen und politisch mitbestimmen können. Und im Projekt MigOst können Migrant*innen und ihre Kinder selbst dafür sorgen, welche ihrer Geschichten am Ende in Wissenschaft und Kultur landen sollen. Dieses Anliegen unterstütze ich sehr gern!
 
Was sind für dich die besonderen Herausforderungen des Projekts speziell in Sachsen?
Schon zu DDR-Zeiten kamen tausende Menschen hierher. Als Vertragsarbeiter*innen, als internationale Studierende oder politische Migrant*innen. In den 1990ern kamen die Spätaussiedler*innen, später viele Geflüchtete vor allem aus afrikanischen und arabischen Ländern – heute die Menschen aus der Ukraine. Die erste Herausforderung ist diese Vielfalt abzubilden.
Bis 2015 war Sachsen z.B. integrationspolitisches Entwicklungsland. Viele haben keine oder kaum Integrationsangebote bekommen. Sie haben Rassismus erfahren. Sie haben Gewalt und Unrecht erfahren. Die sächsische Politik hat diese Probleme nicht wahrgenommen, relativiert oder geleugnet. So beherrschen bis heute viele der ersten Generation die deutsche Sprache noch nicht so gut. Sie haben sich zurückgezogen. Ihre Geschichten zu erfahren ist die zweite Herausforderung.
 
Was wünscht du dir für das Projekt? Welche Wirkung soll es deiner Meinung nach entfalten?
Ich wünsche mir, dass das Projekt MigOst Vorbild wird. Andere Universitäten und Projekte sollen den Betroffenen auch die Möglichkeit geben, selbst über ihre Geschichte zu entscheiden. Und es soll Migrant*innenselbstorganisationen dazu befähigen, sich auch über das Projekt hinaus selbst mit ihrer Geschichte zu beschäftigen und diese zu erzählen.
Das ist ganz wichtig für meinen zweiten Wunsch: Ich werde ja auch nicht jünger. Wir müssen den Stab an die nächste Generation weitergeben. Deswegen hoffe ich, dass das Projekt vor allem für die zweite Generation die Möglichkeit bietet, sich mit ihrer eigenen Geschichte und Identität zu beschäftigen. Damit sie verstehen, warum ihre Eltern so sind wie sie sind. Damit sie ihre eigene Stimme finden. Damit sie vielleicht in unsere Fußstapfen treten, sich für Vielfalt einsetzen.


Mit dem Projekt MigOst will DaMOst Gelegenheiten für die gemeinsame Auseinandersetzung mit der (eigenen) Migrationsgeschichte schaffen. Wir wollen die Teilhabe von Migrant*innen in Ostdeutschland sichtbarer machen und die eindimensionale mehrheitsgesellschaftliche Perspektive auf Migration erweitern, um so den Weg für vielfältigere (Stadt-) Geschichten zu ebnen. Das Projekt wird im Rahmen des Förderbereichs Bürgerforschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

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