zum Inhalt
de  |  en  |  ru  |  ar  |  vn  |  fa  | 
     
DaMOst

Zurück zu den Wurzeln

Mit Back To The Roots organisiert ein Kollektiv aus Leipzig ein Festival, das Tanzstile Schwarzer Communities fokussiert. An drei Tagen unterrichten Schwarze Dozierende und klären über Kultur, Geschichte und den politisch-historischen Kontext von Hip Hop, Afro Fusion, Waacking, House und mehr auf. So soll ein safer Space entstehen, den viele Tanzstudios und -schulen nicht bieten. Unter anderem weil in diesen Strukturen Whitewashing  noch immer ignoriert wird.

Back to the roots_3

Wenn Phenix an den Moment denkt, als ihr Voguing zum ersten Mal begegnet ist, erinnert sie sich an den TV-Auftritt von Georgina Philp in der ersten Staffel von „Got to Dance“ 2013. „Als ich das sah, war ich komplett fasziniert. Sie war so feminin und elegant. Und ich hatte das Gefühl, wenn es eine Form von Bewegung gibt, die ich in mir haben möchte, dann ist es das. In meinem Kopf war eine Frage: Was tanzt sie da?“ Seitdem ist Voguing eine Konstante in Phenix' Leben.
Der Tanzstil wurzelt in der von Schwarzen und Latinx Queeren Menschen, besonders trans Frauen, geprägten New Yorker Ballroom-Culture. Georgina Philp, in der Szene als Legendary European Mother Leo Saint Laurent bekannt, hat als Trailblazer die Ballroom-Culture in Deutschland aufgebaut. „Ich habe die Hintergründe recherchiert und das war augenöffnend für mich, denn ich vereine genau die Intersektion, aus der Voguing entstanden ist: Ich bin eine Person of Color, Schwarz, Afrodeutsch – von Rassismus betroffen, aber auch von der Diskriminierung als queere Person.“ Von da an geht Phenix klar in eine Richtung, besucht Workshops in Berlin und bildet sich in den Voguing Stilen Old Way, New Way und Vogue Fem weiter. Inzwischen unterrichtet sie Vogue Fem selbst in Leipzigs soziokulturellem Zentrum Heizhaus. Inmitten des Stadtteils Grünau hat sie sich einen Raum geschaffen, den sie aktiv gestaltet. Ein Projekt ist dabei von besonderer Bedeutung: das Back To The Roots Festival.

Zusammen mit Co-Gründerin und -organisatorin, Tänzerin und Aktivistin Sakin werden in den Sälen der Location für drei Tage Tanzstile aus Schwarzen Kulturen zelebriert: Old Way, Hip Hop, Afro Fusion, Waacking, House, Afro Comtemporary und Krump. Und das konträr zur Realität in vielen deutschen Tanzschulen. Die Idee: Tanzstile Schwarzer Communities erlernen und feiern, Credits geben, einen safer Space kreieren und Whitewashing thematisieren. Dieser Mix aus Workshops, Netzwerktreffen, Panel-Diskussion und Mini-Battles ist offen für alle, die partizipieren wollen. Die Vision erklärt Sakin genauer: „Wir stellen Afro-Diasporische, Schwarze Tanzstile in den Vordergrund und lassen sie von Schwarzen Menschen unterrichten.“ Denn Unsichtbarmachung sei unter anderem ein blinder Fleck in Tanzstudios und -schulen. „Wir binden daher Schwarze Dozierende ein, die über Kultur, Geschichte und den politisch-historischen Kontext verschiedener Stile aufklären können. Vielleicht sensibilisieren wir so auch institutionalisierte, weiße Strukturen, indem wir Menschen erreichen, die dort unterrichten“, sagt Sakin.

Back to the roots_2

Es ist ein Angebot, dass ihrer eigenen Tanzbiografie passgenau entspricht. Denn Sakin selbst habe sich nie in Tanzschulen fortgebildet, sagt sie. Urbane Stile wie Dancehall und Afrobeats brachte sie sich überwiegend im Selbststudium bei oder besuchte vereinzelt Workshops. Voguing zum Beispiel lernte sie mit und von Phenix. „Wir kennen uns vom Studium in Halle. Phenix hat mich zu den Sessions ins Heizhaus eingeladen. Ich war ein paar Mal da, aber der Kontakt war eher oberflächlich.“ Erst ein Event bringt sie näher zusammen: 2021 findet das True Colors Festival in Leipzig statt, das sich intersektional der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt in dieser Gesellschaft widmete. Hier begegnen sie sich neu. Und eine weitere, entscheidende Person kreuzt ihren Weg: Ras. Von da an arbeiten die drei immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen zusammen, wie zum Beispiel im Tanzkollektiv „shades of purple" mit dem Sakin und Ras das Stück UTOPIA choreographieren und es im Leipziger Theater LOFFT aufführen; oder in der Produktion VIECHER in der alle drei gemeinsam auf der Bühne stehen. Phenix und Ras bieten zudem gemeinsame Bi_PoC Ballroom Sessions an.

Als Mitglied des Awareness e.V., der Initiative für Schwarze Menschen und organisierende Person des Akwaaba Empowerment Space bringt Ras auch Expertise und Beratung in das Festival ein. Allerdings eher im Hintergrund. Das sei ein Positivbeispiel für ein funktionierendes Miteinander im Ehrenamt: „Ich weiß aus Projekten, dass unbezahlt arbeitende Menschen oft das Gefühl haben, viel leisten zu müssen. Da ist ein starkes Verantwortungsgefühl und man vergisst, auf die eigenen Kräfte zu achten. Bei mir war es genauso. Ich schätze die Idee des Festivals sehr, bin aber anderweitig so eingebunden, dass ich besser im Background supporte.“

So ganz stimmt das aber nicht. Ras hat beispielsweise einen Panel-Talk zum Thema „Whitewashing und Dance-Culture“ moderiert – ein zentraler Aspekt der Veranstaltung. Noch immer sei zu wenig Bewusstsein für kulturelle Aneignung und strukturellen Rassismus in der Tanz- und Musikszene vorhanden. Ein breites Interesse an Schwarze Menschen zu erinnern, fehle, unterstreicht Ras. „Es gibt Ikonen, die vergessen werden, weil sie sich nicht in weißen Strukturen bewegen, nicht die Ressourcen haben, weil sie keine Publisher*innen oder eigene Media-Outlets haben.“ Deswegen werde so ein Festival auch nicht durch einen großen Player umgesetzt, sondern von einer kleinen Initiative. Dass diese Vereinnahmung immer ökonomischen Profit für weiße Stars bedeute, unterstreicht Sakin. Dancehall-Steps würden in Musikvideos, Fitness-Programmen, im Fernsehen oder der Werbung genutzt und zu Geld gemacht, ohne jemals Credits zu geben. „Der Grund dafür ist Rassismus. Schwarze Menschen werden nicht als gleichwertig angesehen und respektiert. Um wirklich etwas zu ändern, muss sich deshalb das grundlegende Prinzip wandeln. Es muss lauten: Give It Back To The Creators. Und ja, es gerät langsam etwas in Bewegung, aber noch zu wenig.“

Schutzräume, wie sie auf dem Back To The Roots Festival entstehen, seien deshalb unabdingbar. Vor allem solche, die etwas Positives vermitteln, meint Sakin. Seit ihrem 13. Lebensjahr ist sie aktivistisch engagiert. Als Teenagerin trat sie Greenpeace bei, beschäftigte sich mit Themen wie Kinderarbeit, Folter und Rassismus. Das habe sie beeinflusst, geformt und politisiert, mit der Zeit aber auch frustriert. „In meiner naiven Vorstellung dachte ich, wenn ich groß bin, sind die Dinge anders.“ Doch diese Vision habe sich nicht eingelöst. Ihre Kraft steckt sie deshalb jetzt in Projekte, die ein „Community-Feeling“ schaffen und zeigen, dass ein besseres Miteinander möglich ist. Das Festival solle vorrangig People of Color empowern.

Wie wichtig dieser Support ist, erklärt Ras anhand einer sehr persönlichen Erinnerung: „Mir wurde immer gesagt, weil ich Schwarz bin, kann ich tanzen. Meine ganze Arbeit, mein Training, meine Fähigkeiten wurden für selbstverständlich erachtet. Das war so massiv, dass ich irgendwann keine Lust mehr hatte in der Öffentlichkeit zu tanzen. Ich wollte diesen rassistischen Stereotyp nicht mehr bestätigen und mit den diskriminierenden Kommentaren der Leute konfrontiert sein. Und das tat sehr weh, weil mir Tanzen nicht nur Spaß macht, sondern auch Teil meiner Identität ist.“

Back to the roots_4

Um Machtmechanismen wie diese aufzubrechen, sind für das Kollektiv Elemente der Ballroom Culture – und damit Voguing – ein wichtiger Bestandteil. Was genau diese Kultur ausmacht, erklärt Phenix so: „Ballroom ist ein zu Hause für marginalisierte Menschengruppen. Es ist Black American History. Ein Ort, an dem sich Schwarze Menschen gesehen, schön, wert- und machtvoll fühlen können.“ Heilung und Therapie – auch diese Worte fallen. Andere Tanzstile mit dieser Idee zu inspirieren, bestärkte die Veranstalter*innen darin, zum Beispiel auch Hip Hop einzubeziehen. Denn: „Ich als queere Person tanze diesen sehr maskulin geprägten Stil nicht gern, weil ich das Gefühl habe, dass ich komisch angeschaut werde“, sagt Phenix. Deswegen wollte sie Ballroom einbringen, um Perspektiven zu erweitern. Menschen im Ballroom seien sich der Machthierarchien in der Gesellschaft sehr bewusst, und es werde bereits viel darüber diskutiert, wie und von wem die Kultur vermittelt wird. „Gerade jetzt, wo sie von der Underground-Subkultur in den Mainstream rückt“, meint Ras. „Andere Kulturen wie Waacking, House oder eben Hip Hop wurden bereits stark kommerzialisiert und von der Mehrheitsgesellschaft vereinnahmt, und es wird vergessen, dass die Stile von Schwarzen und im Fall von House und Waacking besonders auch queeren Menschen kreiert wurden.“

Daran zu erinnern, aufzuklären, zu sensibilisieren und alternative Räume zu schaffen, erfordert Energie und Durchhaltevermögen. Sich dauerhaft ehrenamtlich zu engagieren kostet Kraft. Ras findet diese im Glauben an Wirksamkeit: „Ich bin optimistisch, dass jede Person die Fähigkeit hat ihre Umwelt mitzugestalten. In dem Rahmen, in dem sie sich sicher fühlt und mit den Mitteln, die sie hat."


Mehr entdecken >>>