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DaMOst

Stimme geben

Menschen mit Fluchtbiografie und Migrant*innen fehlt es in dieser Gesellschaft oft an geeigneten Sprachrohren – das Ergebnis im breiten medialen Diskurs: Oft wird über sie und wenig mit ihnen gesprochen. Dalia Ruth Coulibaly arbeitet daran, das zu ändern. Mit dem Cagintua e.V. schafft sie einen Dialograum, der zur Selbstermächtigung beiträgt. Und einen Austausch zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern.

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Sie ist auf dem Weg zum Supermarkt; die Straßenbahn schiebt sich routiniert durch Potsdams Straßen. Dalia Ruth Coulibaly schaut aus dem Fenster und geht innerlich ihre Einkaufsliste durch, da wird sie angesprochen. Ein Mann lächelt und drückt ihr einen Flyer in die Hand. Werbung für eine Afrika-Konferenz. Es soll um Kultur und Demokratie gehen. „Und ich dachte: Hier in Potsdam gibt es eine Organisation, die so etwas auf die Beine stellt? Da muss ich hin.“ Das war 2014. Und der Mann – Obiri Mokini – wird zu einem Türöffner im Leben der Studentin. Seit ihrer Begegnung vor fast zehn Jahren ist Dalia ehrenamtlich aktiv und schafft etwas, dass sie glücklich macht: Begegnungen zwischen Menschen. Einen Austausch zwischen afrikanischen Ländern und Deutschland. Und Unterstützung für Geflüchtete.

Alles fing mit organisatorischen Dingen an. Förderanträge lesen und korrigieren. Eher trockene, aber wichtige Vereinsarbeit für den Cagintua e.V., der damals den Afrika-Kultur- und Demokratiedialog umsetzt. Die Initiative hat ihren Sitz im brandenburgischen Bad Belzig und ebenso Räume in Potsdam – im Kulturzentrum Freiland. Hier geht Dalia seitdem ein und aus. Das Netzwerk Cagintua wurde von geflüchteten Menschen gegründet und setzt sich dafür ein, darüber aufzuklären, „was Flucht bedeutet, insbesondere welche Belastungen und Gefahren diese nach sich ziehen kann“. Es ist ein Thema, dass Dalia im Innersten berührt. Denn auch sie lebt zwischen verschiedenen Orten, Mentalitäten und Kulturen.

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Ihre Eltern kommen 2009 mit ihr aus der Elfenbeinküste nach Deutschland. Damals ist sie 14 Jahre alt. Sie wächst in Baden-Württembergs Kleinstadt Kehl auf. „Behütet“, sagt sie und ohne Probleme. Ihr täglicher Schulweg führt über eine Rheinbrücke nach Straßburg, wo sie das Abitur macht. Es ist eine Zeit, in der ihr klar wird, dass sich Grenzen nicht immer so einfach überwinden lassen: „Erst als ich in Europa angekommen bin, habe ich festgestellt, dass ich afrikanisch oder Afrikanerin bin. Mein Interesse für meine Wurzeln ist damals stark gewachsen und es ist auch der Grund, warum ich mich später engagiert habe. Ich habe mich gefragt: Was bringt Menschen zusammen? Welche Erfahrungen können wir teilen, wie können wir voneinander lernen und uns nicht voneinander abgrenzen?“
In Potsdam werden die Antworten auf diese Fragen konkreter. Hier schreibt sie sich für ein deutsch-französisches Jura-Studium ein und wird ehrenamtlich aktiv. Heute koordiniert sie den Afrika-Kultur- und Demokratiedialog, den sie 2014 zum ersten Mal als Besucherin kennenlernte. „Ich suche Menschen, die Vorträge halten und bringe sie mit Personen aus deutschen Behörden und politischen Entscheider*innen zusammen. Unser Fokus liegt auf nachhaltiger Agrarwirtschaft und Frauen-Empowerment in Ländern wie Algerien, Ghana und Nigeria.“ Es geht darum, wie beispielsweise ein lokales Permakultur-Projekt die wirtschaftliche Situation von nigerianischen Frauen verbessert; weil sie selbst wirtschaften, Geld verdienen und so ihre Unabhängigkeit stärken. „Die Autonomie von Frauen ist wichtig, denn wenn afrikanische Frauen mehr Geld verdienen, investieren sie es auch in die Bildung ihrer Kinder. Und das bedeutet eine Chance auf Wandel.“
Für Dalia ist das der Antrieb ihres Engagements: Die Suche nach Lösungen, die im Alltag einen Unterschied machen. Das klinge für viele Menschen einfach, sagt sie, sei es aber nicht: „Geflüchtete Menschen, Migrant*innen erleben in Deutschland viele Frust-Momente, die die Energie nehmen, zuversichtlich zu bleiben und eine Integration zu schaffen.“ Sie erfährt das in ihrer Arbeit bei Cagintua e.V. seit vielen Jahren. Der Verein hat bereits 2017 ein Projekt ins Leben gerufen, das genau diese Emotionen einfängt: das Refugee Information Radio. Dalia steigt 2018 ein. Sie führt Interviews, moderiert Live-Gespräche, übernimmt die Programmplanung. „Das Angebot ist entstanden, um Migrant*innen eine Stimme zu geben. Wir haben festgestellt, dass Medien zwar über Menschen auf der Flucht berichten, aber oft nicht mit ihnen gesprochen wird. Sie haben keine Möglichkeit, ihren Blick auf die Dinge zu teilen. Das wollten wir ändern und haben gefragt: Wie ist eure Lage? Über welche Themen wollt ihr sprechen?“ In den Sendungen geht es um legale Migrationswege, die Gefahren auf illegalen Fluchtrouten, die Situation und Teilhabe geflüchteter Menschen.

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Vor allem eine Begegnung aus dieser Zeit ist Dalia in Erinnerung geblieben. Für ein Interview besucht sie einen jungen Mann aus Liberia in einer Unterkunft. Er lebt damals seit acht Jahren auf minimalen Quadratmetern den immergleichen Tag. „Sein Status war auf Jahre ungeklärt – er konnte nicht zurückgebracht werden, er durfte nicht arbeiten, er hatte nicht einmal die Möglichkeit einen Deutschkurs zu besuchen. Das heißt, er war in einer Situation, die man nur ein Dazwischen nennen kann.“ Weil alles still steht. „Seit letztem Jahr ist dieser Mann im Krankenhaus. Seine Zellen bauen sich nach und nach ab und er wird diesen Ort vielleicht nicht mehr verlassen. Die rechtliche Situation hat ihm einen riesigen Teil seines Lebens genommen – und vielleicht auch krank gemacht.“
Geschichten wie diese machen sie traurig, aber nicht mutlos. Sie konzentriere sich auf das Erreichte, um optimistisch zu bleiben. Denn jeden Tag bewirke ihr Verein etwas Gutes im Leben von Geflüchteten: „Menschen kommen zu uns, um sich beraten zu lassen, um Informationen zu bekommen. Und das verändert vieles: sich zu vernetzen und Hilfe zu suchen, ist der erste Schritt zur Selbstermächtigung.“ Und da ist noch etwas, dass ihr Kraft spendet, sagt sie: der Glaube. Er ermögliche ihr einen wichtigen Perspektivwechsel: „Für mich ist prinzipiell jeder Mensch gut, nur Taten können schlecht oder falsch sein. Und darauf kann ich reagieren. Durch reden, sensibilisieren und aktiv werden.“ Sie nennt es eine Gabe, sich auf positive Dinge zu fokussieren. Und vielleicht ist es auch ein Selbstschutz, um die vielen schmerzlichen Erzählungen geflüchteter Menschen nicht zu nah an sich heran zu lassen.

Probleme benennt sie dennoch. Zum Beispiel strukturellen Rassismus, mit dem Menschen auf der Flucht, Migrant*innen, aber auch Personen, die von außen als migrantisch markiert werden, etwa im Kontakt mit Behörden und Verwaltung konfrontiert sind. „Sie erzählen, dass sie extreme Ohnmacht erleben, weil es sich anfühlt, als könnten Sachbearbeiter*innen am anderen Ende des Schreibtisches über ganze Lebenswege entscheiden. Wenn ich den Eindruck habe, von vornherein als verlorener Fall abgestempelt zu sein, was kann ich da noch machen? Nichts! Dann scheitere ich an der Struktur. Und ich habe auch nicht das Vertrauen Dinge offenzulegen, die positiv über meinen Fall entscheiden könnten.“ Genau deshalb brauche es auf allen Ebenen Sensibilisierungsarbeit, unterstreicht Dalia. Weil es am Ende immer darum gehen müsse, wie eine Gesellschaft vorankommt und Probleme löst.

In Zukunft will sie deshalb mehr Zeit in Kinder- und Jugendarbeit investieren. Die Stärkung von Heranwachsenden nennt sie zentral: „Es ist ganz einfach: Sie sind die Zukunft. Ich möchte erreichen, dass verschiedene kulturelle Prägungen und Diversität als etwas Gutes erlebt werden. Und dazu habe ich viele Ideen im Kopf.“ Generationenübergreifendes Kochen zum Beispiel – oder ein Atelier, in dem Kinder und Erwachsene gemeinsam Stoffe aus verschiedenen Ländern bearbeiten können. Dinge, die zusammenbringen und niedrigschwellig einen Erfahrungsaustausch ermöglichen. Junge sollen von Älteren lernen – und andersherum.

Dass es diese Stärkung der Zivilgesellschaft gerade in ihrem zu Hause Brandenburg braucht, liegt auf der Hand: Im September 2024 wird hier ein neuer Landtag gewählt. Nach aktuellen Prognosen kommt die AfD auf über 20 Prozent. Eine Partei, die der Verfassungsschutz als rechtsextremen „Verdachtsfall“ definiert. Kommentieren möchte Dalia diese Aussichten nicht, sie will ihren Horizont nicht düster malen: „Ich sehe nicht nur Migrant*innen, die sich für Menschen auf der Flucht engagieren. Ich sehe auch Brandenburger*innen, die mit viel Einsatz unterstützen. Und das gibt mir Hoffnung. Hoffnung, dass wir immer mehr werden.“


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