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Selbst wirksam werden

Erst Teilhabe, dann Mitgestaltung – seit seinem 11. Lebensjahr ist Nicolas Rausch in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv. Diese frühe Erfahrung prägt heute sein Demokratieverständnis. Im „Jugend- und Studentenring der Deutschen aus Russland“ engagiert er sich in der Geflüchtetenhilfe und begleitet Austauschprogramme als Jugendleiter. Sein Appell an andere: Engagement kann man sich zutrauen.

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Es gibt Anekdoten, die graben sich ins Gedächtnis und gestalten den Blick auf die Welt. Nicolas Rausch kann so eine Geschichte erzählen. Ein kleines Aha-Erlebnis während einer Kinder- und Jugendfreizeit. Doch bei ihm entfaltet dieser Moment nachhaltig Wirkung, erzählt er. Der Student sitzt in einem Café in Halle, den Oberkörper nach vorn gebeugt, seinem Gegenüber zugewandt. Einer dieser Menschen, die es einem leicht machen. „Das war so: Ich war noch sehr jung und habe einen Demokratie-Workshop besucht. Wir haben ein Spiel gespielt.“ Allen Teilnehmenden wurden verschiedenfarbige Punkte auf die Stirn geklebt. „Dann sollten wir uns sortieren.“

Wie selbstverständlich fangen die Jugendlichen an, sich zu ordnen. Einheitlich, nach Farben. „Das hat sich ganz natürlich angefühlt, aber wir haben – ohne weiter darüber nachzudenken – komplett homogene Gruppen ohne den kleinsten Ansatz von Vielfalt gebildet. Dieses Erlebnis ist mir so hängengeblieben, dass ich immer wieder daran denken muss.“ Wie tief verankert Muster von Othering in unseren Köpfen wirken, sei ihm damals bewusst geworden. Othering meint, dass sich Gruppen voneinander abgrenzen, indem die nicht-eigene Gruppe als anders und fremd definiert wird – „ein komplett künstlich erschaffener Unterschied. In der Reflexion habe ich gelernt, dass zum Beispiel Dinge wie Gender und Hautfarbe gesellschaftlich oft genauso zum Unterschied konstruiert werden.“
Mit anderen in den Austausch zu gehen, Ausgrenzung zu erkennen und dagegen zu arbeiten – das wird für ihn von da an ein Grundbedürfnis. Bis heute ist es so geblieben. Nur seine Rolle hat er neu definiert. Mit seinen 20 Jahren ist er längst selbst ausgebildeter Jugendleiter und gibt sein Wissen an Jüngere weiter. Mit dem Jugend- und Studentenring der Deutschen aus Russland e.V. (JSDR) organisiert er ehrenamtlich Freizeitaktivitäten, Stadtausflüge, Beratungen in der Geflüchtetenhilfe. Trotz eines fordernden dualen Informatikstudiums zwischen Mannheim und Erfurt.

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In den deutschlandweit agierenden JSDR tritt Nicolas bereits mit 11 Jahren ein und bekommt so von klein auf die Chance, politische Bildung und demokratische Praxis zu leben: Diskussion und Debatte, Meinungsverschiedenheiten, Kompromisse schließen, Individualisierung im Kollektiv. All das beschäftigt ihn zum Beispiel in Demokratie-Camps, die er ein- oder zweimal im Jahr rund um seinen Wohnort Halle besucht. Seine Mutter ist in dieser Erzählung eine Schlüsselfigur. Als sie mit ihrem Mann 2000 aus dem Kaukasus nach Sachsen-Anhalt kommt, wächst ihr Wunsch, ihrem Sohn den Wert von Kinder- und Jugendnetzwerken zu vermitteln. Denn: In Russland war sie selbst als junge Frau im Jugendring der Deutschen aus Russland aktiv. Mit der Bezeichnung „Deutsche aus Russland“ sind alle Menschen gemeint, die nach 1800 aus Deutschland nach Russland auf Einladung von Katharina der Großen ausgewandert sind.
Mit Fragen zu seinen Wurzeln blieb Nicolas zunächst außerhalb der Familie meist allein. „Einmal wollte ich in der Schule einen Vortrag zu Deutschen aus Russland halten, aber der Lehrer meinte, dass sei ein Blümchen-Thema, also nicht relevant. Ich musste mir etwas anderes suchen.“ Außerdem hieß es bei seinen Mitschüler*innen oft vorschnell: „Nico, der Russe. Ich wurde nicht diskriminiert, aber durch die Aktionen beim JSDR habe ich erst einmal ein Verständnis entwickelt, was es bedeutet, Deutscher aus Russland zu sein. Und irgendwann habe ich mich dann auch getraut zu kommunizieren: ,Leute, das läuft jetzt anders. Ich und meine Familie haben eine eigene Geschichte, eine eigene Kultur, das müsst ihr verstehen.’“

Der JSDR wirkt dabei stark identitätsbildend. Und nach und nach erschließt sich Nicolas über den Verein die Welt. Die Initiative hat Partnerorganisationen in Russland, Polen und Kasachstan. So landet er unter anderem 2018 am Deutsch-Russisch-Kasachischen Jugendforum in Pawlodar, ein Jahr später als Sprachassistent im sibirischen Omsk. Bei der nächsten Reise nach Georgien wird er als Russisch- und Deutsch-Muttersprachler deutsche Kultur vermitteln, sagt er. Zentral in seinem Engagement ist auch die Geflüchtetenhilfe. Bereits 2015, als Tausende Menschen vor dem Krieg in Syrien fliehen, hilft der JSDR. „Es geht ja erstmal darum, zu reden. Menschen auf der Flucht verstehen nicht, wie Deutschland funktioniert. Das hört sich sehr basic an, ist aber grundlegend – und einfach menschlich.“ Darauf baut das Netzwerk heute auf und begleitet auch Menschen aus der Ukraine. „Ein Beispiel: Als meine Eltern nach Deutschland gekommen sind, war das größte Problem, dass es keine Informationen gab. Sie mussten sich alles selbst erschließen, während ich aufgewachsen bin. Das heißt, als ich in den Kindergarten kam, wurde ihnen langsam klar, wie Kindergarten funktioniert – und in der Schule dasselbe.“ Das bedeute Stress und Unsicherheit. Und könne dafür sorgen, dass sich Menschen auf lange Zeit nicht zugehörig fühlen und keinen Anschluss an ein System finden, einfach weil es ihnen an Wissen fehlt.

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Als im Februar 2022 die Invasion in der Ukraine beginnt, erleben Deutsche aus Russland vermehrt Anfeindungen. Medien berichten immer wieder von Diskriminierungen gegen russischsprachige Menschen. Eine Erfahrung, die Nicolas so nicht teilen kann: „Ich habe so etwas in meinem Umfeld nicht erlebt und habe hingegen eher positiv wahrgenommen, dass Medien sehr differenziert berichten.“ Die Arbeit beim JSDR hat der Krieg jedoch beeinflusst: „Die Situation erschwert die Partnerschaften mit Vereinen in Russland, da uns jetzt nur noch das Internet bleibt, um uns zu vernetzen. Das reicht leider nicht. Es ist schade, dass der kulturelle Austausch zwischen Deutschland und Russland wegen dem Krieg zerfällt.“

Was Nicolas an andere vermitteln will? Dass man sich demokratisches Engagement zutrauen kann. „Es ist nichts, was auf einen Schlag da ist und einen überfordert. Man wächst daran Stück für Stück.“ In dieser Struktur sei er gereift, entfaltete Stärken und lernte dazu. Ganz abgesehen von den Freundschaften, die entstehen. „Ich kann nur jedem dazu raten. Oft habe ich den Eindruck, dass es vielen Kindern und Jugendlichen an Möglichkeiten und Selbstvertrauen fehlt, überhaupt rauszugehen. Gerade nach Corona fällt es manchen schwer, anzuknüpfen und Angebote wahrzunehmen.“ Der Isolation entgegenwirken – auch das sporne ihn an. Dabei macht er einen Unterschied zu seinen eigenen Erfahrungen aus: Während bei ihm demokratische, politische Bildung inhaltlich im Vordergrund stand, gehe es heute viel stärker um Freizeitgestaltung. „Wir haben oft über Diskriminierung und Teilhabe gesprochen, heute machen wir viel mehr Ausflüge mit Stadtführungen oder Sportangebote.“ Das liege auch am sogenannten Aufhol-Paket, das die Bundesregierung 2022 verabschiedet hat. Zwei Milliarden Euro stellt das Programm für Projekte zur Verfügung, die junge Menschen „auf dem Weg zurück in ein unbeschwertes Aufwachsen begleiten und beim Aufholen von Lernrückständen unterstützen“.

Der frühe Kontakt mit einem Ehrenamt wird Nicolas wahrscheinlich nicht nur ein Leben lang prägen, sondern auch aktivieren, denn die Bildungsforschung zeigt klar: Demokratiebildung muss früh ansetzen. Wer zeitig demokratisch partizipiert, wird Toleranz für unterschiedliche Lebensmodelle entwickeln, für Grundrechte und Gleichberechtigung sensibilisiert und eher an der Gestaltung dieser Gesellschaft mitwirken. Die Voraussetzung dafür ist Selbstwirksamkeit. Und die entfaltet sich im eigenen Tun.


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