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Auf der Suche

Zwischen kollektivem Trauma und individuellem Biografiebruch: Aktivistin, Performancekünstlerin, Musikerin und Tierschützerin Mariana Yaremchyshyna aus Kyjiw engagiert sich vielseitig. Seit der russischen Invasion in der Ukraine unterstützt sie Geflüchtete in Greifswald und kämpft stadtpolitisch für die Aufnahme weiterer Menschen. Dem erlebten Leid will sie Momente des Zusammenhalts entgegensetzen.

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Mariana Yaremchyshyna sitzt ruhig und aufrecht in ihrer Greifswalder Wohnung. Bevor sie darüber spricht, wer sie ist, ist es ihr wichtiger zu erzählen, dass ihre Waschbärin im Sterben liegt. Sie habe schon als Kind Tiere gerettet, die sich nicht selbst helfen konnten. „Waschbären werden in Deutschland als invasive Art behandelt, obwohl sie von Menschen für die Pelzproduktion hierher gebracht wurden“, erklärt die 28-Jährige. „Irgendwer muss Verantwortung übernehmen, weil wir Menschen so viel Quatsch auf der Erde machen.“ Die Sorgearbeit für Tiere bedeutet Mariana viel. Die Waschbärin habe sie inspiriert. Weil sie eine Kämpferin ist.

Verantwortung für „menschlichen Quatsch“ übernimmt Mariana in den letzten Jahren auch abseits von Tierrechten. Besonders seit der russischen Invasion in ihrem Heimatland baut sie immer wieder Brücken zwischen Menschen verschiedener Herkunft. Sie sensibilisiert in Deutschland für eine ukrainische Perspektive und unterstützt ukrainische Geflüchtete, indem sie dolmetscht und Veranstaltungen organisiert. Mariana selbst kam schon vor über fünf Jahren von Kyjiw nach Deutschland. Der Grund war eine zufällige Begegnung. Auf dem Weg nach Dänemark stoppte sie bei einem Couchsurfer in Greifswald. Aus dem flüchtigen Kennenlernen entstand eine enge Beziehung, eineinhalb Jahre später heirateten die beiden. Mittlerweile wohnen auch Marianas Eltern als Geflüchtete in der gemeinsamen Wohnung in Greifswald.

Früher habe sie die Ukraine viel kritisiert und wollte unbedingt weg, erinnert sie sich. „Wir haben viele Minderwertigkeitskomplexe, die teilweise durch russische und europäische Perspektiven verursacht sind und sagen, dass wir weder das eine noch das andere sind, sondern etwas Komisches dazwischen.“ Wegzugehen sei leicht gewesen, weil sich Mariana als Weltmensch gesehen habe, der sich überall zu Hause fühlt. „Ich wollte cool sein und cool war es, möglichst neutral und kosmopolitisch zu sein.“ Aufgewachsen mit der ukrainischen und russischen Sprache, sei es im Freundeskreis „cooler“ gewesen, Russisch zu sprechen. Ihr Verhältnis zur Ukraine habe sich durch die Invasion am 24. Februar 2022 noch einmal verändert. „Krieg macht alles schwarz und weiß. Auf einmal erforsche und artikuliere ich mein Ukrainisch-Sein aktiv und bei uns in der Familie und im Freundeskreis wird kein Russisch mehr gesprochen.“

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Hinzukommt, dass auf einmal alle in Deutschland über die Ukraine gesprochen, aber „so gut wie null Ahnung von diesem Land“ haben. Sie habe daher lange nach etwas gesucht, um sich einbringen zu können und als der Krieg kam, plötzlich viele Aufgaben gehabt. Sie wollte hier einerseits über ukrainische Geschichte und Kultur informieren und andererseits die neu ankommenden Ukrainer*innen unterstützen und ein Gemeinschaftsgefühl bei ihnen erzeugen. Ein Jahr lang organisierte Mariana jeden Monat am 24. eine Mahnwache, um an den russischen Angriffskrieg zu erinnern und zu einem kulturellen Austausch anzuregen. Für die ukrainische Gemeinschaft in Greifswald ein sehr wichtiges Ereignis. Geflüchtete hielten Redebeiträge, teilten ihre Erlebnisse und fühlten, dass sie nicht allein sind. Der Austausch mit Menschen aus Greifswald lief hingegen schleppend: „Obwohl ich immer alles übersetzt habe, gab es wenige, die zur Mahnwache gekommen sind.“

Auch beim Projekt Lebendige Bibliothek im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus organisierte Mariana ein Gesprächsformat, indem sich Personen mit Rassismus- und Fluchterfahrungen meldeten, um mit interessierten Passant*innen auf der Straße ins Gespräch zu kommen. Das Ergebnis: In acht Stunden hat sich niemand auf ein Gespräch eingelassen.

Ohne ihre Ruhe zu verlieren verdeutlicht Mariana dennoch ihre Frustration. „Ich würde mir wünschen, dass ich in diesem Interview von all den Aktionen erzähle, die ich so plane, aber wenn ich ganz ehrlich bin, sind viele meiner Mitstreiter*innen und ich gerade deprimiert und demotiviert.“ Das liege nicht nur am fehlenden Interesse der Greifswalder Stadtbevölkerung, sondern vor allem am kürzlich durchgeführten Bürger*innenentscheid. 63 Prozent der Menschen in Greifswald entschieden sich gegen die Nutzung einer städtischen Fläche für Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete. „Ich gebe so viel Zeit, Energie, Liebe und auch Geld, um die Bürger*innen dieser Stadt zu bewegen und dann schaue ich auf die 63 Prozent und denke, keine Ahnung, was ich noch machen kann.“

An eine spontane Aktion in Lubmin erinnert sich Mariana hingegen gerne zurück. Gemeinsam mit zwei anderen Aktivistinnen stellte sie sich mit zugeklebtem Mund und selbst gestalteten Plakaten 3000 pro-russischen Demonstrierenden in den Weg. Die Aktivist*innen wurden zur Projektionsfläche. „Natürlich war es grausam da zu sein. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir sie gespiegelt haben, als sie alle möglichen Dinge zu mir gesagt, geschrien und mich angefasst haben.“ Das habe veranschaulicht, wie viel Wut und Frust die Protestierenden in sich trugen und wie wenig sie an einem Dialog interessiert waren. „Es braucht nicht viel, bevor Menschen gewalttätig werden.“ Dieser Auftritt habe eine große mediale Resonanz zur Folge gehabt.  Für Mariana ist ihr stiller Widerspruch nicht nur deshalb gelungen. Die drei Frauen hätten daran erinnert, dass nicht die protestierende Masse oder die russische Nation Opfer sind, sondern die Menschen in der Ukraine.

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Ihr politisches Engagement scheint Mariana trotz der großen Hürden in nächster Zeit nicht aufzugeben. Im letzten Jahr wurde sie in den ersten sogenannten Migrantenbeirat Greifswalds gewählt. Die 13-köpfige Gruppe hat eine beratende Funktion für Stadtverwaltung und Bürger*innenschaft, schreibt Stellungnahmen und hat Rederecht bei den städtischen Ausschüssen. Insgesamt sei der Beirat aber vor allem eine symbolische Struktur, ohne viel Budget oder Macht laut Mariana. Die Stadt Greifswald nutze ihn auch, um ihre Weltoffenheit zu demonstrieren.

In Zukunft will sich Mariana in einem weiteren Feld ausprobieren. Auf die Idee habe sie eine Frau gebracht, die sie vor ein paar Monaten bei einem Besuch in Butscha kennenlernte. Zusammen überlegten sie, wie Mariana den Überlebenden helfen könnte. „In Kriegszeiten merkt man besonders, wie wichtig guter Journalismus ist, wie wichtig es ist, Menschen ihre Geschichte erzählen zu lassen.“ Daran wolle sie arbeiten.

All die vielen mutigen Dinge, die Mariana die letzten Jahre getan hat, sollen nicht darüber hinweg täuschen, dass sie die Last eines kollektiven Traumas mit sich trägt. Ihr größter Wunsch für ihre Zukunft ist es, nicht die Hoffnung zu verlieren und ungerecht und verschlossen zu werden. „Ich hoffe, dass ich weiterhin dazu beitragen kann, dass kollektiv traumatisierte Menschen sich austauschen und verstehen können, sodass Kriege nicht nur Leid und Ungerechtigkeit zur Folge haben, sondern auch Verbindungen und Zusammenhalt schaffen.“


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