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Ganz viel Wir

Sultana Sediqi kam nicht freiwillig nach Thüringen, sie musste als kleines Kind gemeinsam mit ihrer Familie aus Afghanistan fliehen. Jetzt stellt sie sich ihrer Heimatstadt Erfurt mit Furcht und Mut zu gleichen Teilen. Wenn sie zweifelt, hört sie auf ihre innere Stimme.

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„Was macht mich denn so anders, dass ich hier leben muss?“ Das fragte sich Sultana Sediqi, damals acht Jahre alt, als sie 2012 in einer Unterkunft für Geflüchtete untergebracht wurde. Die Flucht aus Afghanistan – zu Fuß, im Auto, schließlich über das Mittelmeer – hatte die Familie getrennt. Vater und Schwester waren an anderen Orten in Europa, Sultana mit ihrer Mutter in Breitenworbis, Thüringen. Abgeschnitten wohnte sie dort, obwohl sie doch wie andere Kinder die Grundschule besuchte. „Es hat sich angefühlt wie ein Gefängnis.“ In der Schule wurde Sultana angestarrt, gemieden, beleidigt. Während andere die eigene Muttersprache übten, lernte sie eine zweite dazu und übersetzte für ihre Eltern bei wichtigen Behördengängen und Ärzt*innenbesuchen. „In dieser – wie Steinmeier sagt – ‚Parallelgesellschaft‘ zu leben“, Sultana hebt jeweils zwei Finger, um Gänsefüßchen zu verdeutlichen, “hat mich schon immer irgendwie beschäftigt. Ich hab das alles sehr intensiv wahrgenommen und hinterfragt, hatte aber keine Erklärungen dafür“, sagt sie rückblickend.

Nach zwei Jahren erhielt die Familie einen Aufenthaltstitel und zog nach Erfurt. Die Landeshauptstadt wirkt beschaulich: eine Innenstadt mit Fachwerkhäuschen, Ladengeschäften und Szene-Cafés, die Krämerbrücke, der imposante Dom gleich neben der Severikirche. Auf dem weitläufigen Vorplatz hatte Sultana 2021 einen entscheidenden Auftritt, von dem ihr im Vorfeld alle Vertrauten abgeraten hatten. Zu groß sei die Gefahr, am 1. Mai bei einer Kundgebung öffentlich Gesicht zu zeigen – insbesondere nach dem Angriff, der Sultana überhaupt erst so aufgerüttelt hatte: Ein syrischer Jugendlicher war in der Straßenbahn vor aller Augen von einem 40-Jährigen beleidigt, zusammengeschlagen und bespuckt worden. „Mir wurde klar: das hätte ich sein können. Das hätte meine Schwester sein können. Wir alle hätten das sein können“, schildert Sultana fassungslos.

Auch Sultana fürchtete sich vor der Bühne. Nicht nur um ihretwillen, auch aus Sorge um ihre Familie. Schließlich marschierte an diesem Tag die neonazistische Vereinigung „Neue Stärke Erfurt“ auf. „Aber ich musste auf meine innere Stimme hören.“ Sie hielt eine sehr persönliche Rede und fasste ihre Gefühle des Ausgestoßen-Seins, ihre Wut über rassistischen Hass und Gewalt in Worte. Die Menge spiegelte ihr zurück: Du sprichst uns aus der Seele. Viele seien im Anschluss zu ihr gekommen, hätten ihr zugesprochen, sich mitgeteilt. „Das war ein Gefühl von ganz viel Wir“, beschreibt Sultana. „Ich war selber komplett überrascht davon, wie viel es bewirken kann, wenn ich zum Ausdruck bringe, was ich denke.“ Gemeinsam Worte finden, Erlebtes zur Sprache bringen – das sei ein Pfeiler des Netzwerks, das sich seither beständig ausweitet: viele zarte Bande bilden ein reißfestes Gewebe. „Ich wusste, ich kann Schallverstärker sein. Ich kann Mut und Hoffnung geben, aber ich kann eben auch repräsentativ wütend sein“, ordnet Sultana ihre Rolle ein.

Gemeinsam mit Mitstreitenden beschloss sie, dem bundesweiten Netzwerk „Jugendliche ohne Grenzen“ einen Standort in Thüringen zu geben. Sie tritt als Sprecherin in Erscheinung, gibt Workshops, steht im Austausch mit anderen migrantischen Initiativen, organisiert Demonstrationen. „Gerade, weil ich aus Afghanistan und damit aus einem Kulturraum komme, wo Frauen schon von klein auf aufgedrückt wird, später zu heiraten und Kinder zu bekommen, wusste ich sehr früh: mein Weg sieht anders aus. Ich will Menschen bewegen.“ Schnell sei klar geworden, dass die sich bildende Community ein Fundament braucht. Das besteht aus gegenseitiger Fürsorge, dem Versorgen von Wunden, dem Schüren von Hoffnung. Sultana begann, ihre Fragen an sich selbst an die Gemeinschaft zu stellen: Warum sind migrantische Jugendliche eigentlich politisch wenig aktiv? Was hindert uns? Was wollen wir erreichen? Wer wollen wir sein? Aus gemeinsamen Erfahrungen entwickelten sich so nach und nach individuelle Vorstellungen davon, wie ein selbstbestimmter Weg eigentlich aussehen könne, erklärt Sultana. Unabhängig von äußeren Erwartungen.

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„Wenn es um Aktivismus geht, haben viele Menschen die Vorstellung, dass man bereit dafür ist, was man da gerade macht. Aber ich habe mich zu keinem Zeitpunkt bereit gefühlt“, sagt Sultana nachdenklich. „Ich mache das nicht freiwillig, sondern weil ich muss. Weil ich bedroht und entmenschlicht werde.“ Sultanas Blick gleitet in eine unbestimmte Ferne ab. „Ich bezahle einen hohen Preis, weil ich mich und meine Bedürfnisse oft für die Sache vergesse. Aber es geht nicht anders. Es geht um Entweder-Oder.“

Vergangenen Sommer flog Sultana gemeinsam mit einer Freundin nach Athen, um Abschied zu nehmen. Sie hatte ihren Onkel auf dem Mittelmeer verloren. Das sei so etwas wie ein weiterer persönlicher Kipppunkt gewesen, erzählt sie. „So kann es nicht weitergehen.“ Wieder zurück, berief sie in der Kulturstätte Erfurter Zughafen das „Meer der Tränen“ ein. Ein großes Treffen aller Unterstützenden. „Es gab so unglaublich viel Raum für Menschen mit Fluchtgeschichten, die das aber nie verarbeitet haben“, erzählt sie. „Das war für Erfurt einmalig. Vielleicht sogar für Deutschland.“

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Die Zerrissenheit sei immer da: Auf der einen Seite Verzweiflung und Ohnmacht, auf der anderen der kraftvolle Ruf der inneren Stimme. Ebenso verhalte es sich im Hinblick auf die politische Situation in Erfurt, in Thüringen: „Es ist so viel Angst, so viel Verzweiflung im Raum und gleichzeitig so viel Solidarität.“ Vielen sei mittlerweile klar geworden, sagt Sultana, dass – sollte die AfD noch einflussreicher werden – es alle Menschen treffen wird, ob mit oder ohne Migrationsbiografie.


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