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Eine andere Welt ist möglich

Das feministische FLINTA*-Kollektiv Abya Yala Libre Leipzig schafft und nutzt Räume im Stadtbild, um ein solidarisches Miteinander zu gestalten. Aus zunächst zehn Unterstützer*innen ist inzwischen ein rund 90-köpfiges Support-Netzwerk gewachsen. Es wird auf Veranstaltungen aktiv, die mit Kunst, Performance, Debatte, Tanz und Musik eine Idee verfolgen: Für die Überschneidungen zwischen Kolonialismus, Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus zu sensibilisieren.

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Los ging es mitten in der Pandemie, im Oktober 2020. Die Infektionszahlen steigen so rasant wie nie und ein weiterer Lockdown kündigt sich an. In der Realität bedeutet das: Ganze Innenstädte = menschenleer. Der notwendige Rückzug ins Private ist dabei hochpolitisch. Denn Vereinzelung bremst gemeinsame Ideen und Aktionen, das Netzwerken und Handeln von Menschen. In dieser Ausnahmesituation entsteht in einer Wohngemeinschaft der Wunsch nach Veränderung. Es ist der Initialmoment des feministischen Kollektivs Abya Yala Libre Leipzig, das sich seitdem zum Ziel setzt: organisieren statt separieren.

Andy, B. und A. sprechen über diese Anfänge respektvoll und wertschätzend. Sie entschuldigen sich, wenn sie sich ins Wort fallen, suchen Blickkontakt und bestätigen nickend die Antworten ihres Gegenübers. Allein dieser Umgang spiegelt den Kern ihrer politischen Arbeit – es geht um gegenseitigen Support. Während sich das in Zwischenräumen ganz unausgesprochen zeigt, machen sie eine Sache sehr schnell deutlich: An dieser Stelle sollen keine allzu individuellen Geschichten und Biografien erzählt werden, die sich über andere erheben könnten. „Wir sind ein Kollektiv, das multiperspektivisch funktioniert. Wir versuchen alle Standpunkte unserer Mitkämpferinnen einzubeziehen und nicht einzelne hervorzuheben“, sagt A. Deswegen nutzen die Gesprächspartnerinnen teils Synonyme. Zum einen um ihre Identität zu schützen, zum anderen um zu unterstreichen: Abya Yala Libre ist ein vielstimmiger Möglichkeitsraum – kein Persönlichkeitskult. Und ein Safe Space für gleichgesinnte FLINTA*.

Alles fing mit einem Chor an, erinnert sich B. „Wir waren eine Gruppe von etwa 20 Menschen, die lateinamerikanische, feministische Lieder gesungen hat. Uns verbindet, dass wir alle in der Diaspora in Leipzig sind. Wir kommen aus Kolumbien, Chile, B..."  Corona-bedingt endet das Projekt bereits nach dem zweiten Treffen. Aber das Band reißt nicht; die Gruppe vernetzt sich weiter. „Am Anfang haben wir Kaffee getrunken und Erfahrungen geteilt. Wir haben festgestellt, dass wir in unseren Ländern ähnliches erlebt haben.“ Ungleichheit und Gewalt gegenüber marginalisierten Gruppen, patriarchale Unterdrückung und Femizide, fehlende Meinungsfreiheit in autoritären Strukturen und Regimen. „Diese Gespräche haben uns politisiert. Wir haben gemerkt, dass wir eine Stimme haben, dass wir auf Demonstrationen sprechen und unsere Perspektive teilen können. Uns ist klar geworden, dass wir einen geschützten Raum für FLINTA* und ein Bewusstsein für Intersektionalität schaffen können, also die Verschränkung von Kolonialität, Patriarchat, Kapitalismus und Rassismus.“

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Dafür sensibilisiert das Kollektiv nicht nur auf Veranstaltungen. Abya Yala Libre will auch ein alternativer, multiperspektivischer Ort des Zusammenlebens sein: sozial, feministisch, antirassistisch und antikapitalistisch. Als Erweckungserlebnis beschreibt B. eine erste Aktion 2021. Das Kollektiv initiierte spontan einen Solidaritätsflohmarkt, um eine ausländisch, weiblich gelesene Person in Leipzig zu unterstützen. Es gab Probleme mit Visum, Studium, Geld und Unterkunft. „Wir waren unerfahren und wussten nicht, wie man so ein Event organisiert. Wir hatten eine WhatsApp-Gruppe mit zehn Mitgliedern und haben aufgerufen, Sachen zu spenden.“ Am Ende des Tages blieben fünf Tüten voller Kleidung übrig und fast 1000 Euro für die betroffene Person. „Es war der Beweis, dass wir Räume nicht nur nutzen und gestalten, sondern auch echte Safe Spaces schaffen können.“

Heute ist all das gewachsen. Die WhatsApp-Gruppe, die das Kollektiv „das Forum“ nennt, zählt rund 90 Menschen. Ein Support-System, das schnell aktiviert werden kann. Etwa bei der Organisation des Abya Yala Libre Summer Fest. Es findet seit 2022 statt und ist zentral im Aktivismus des Kollektivs. Einen Tag lang macht es dessen feministische Vision mit Workshops, Round Tables, Ausstellungen, Performances, Musik, Tanz greifbar. All das auf Spendenbasis. Ziel ist es, einen geschützten Ort der Debatte, des Lernens und Netzwerkens entstehen zu lassen, meint Andy. Nur ein Detail des Programms: eine offene Diskussion zur postmigrantischen Gesellschaft. Wie im Gespräch mit Freund*innen werden hier Ideen, Erfahrungen und Gefühle dazu geteilt, welche Aushandlungsprozesse eine Gesellschaft erlebt, die durch die Erfahrung der Migration geprägt ist. Für A. liegt darin eine Kraft, die sie motiviert: „Nach diesem Round Table kam eine Person zu mir und hat gesagt: ‚Was wir besprochen haben, hilft mir, mich leichter zu fühlen. Ich kann heute besser einschlafen.’ Und das bedeutet alles. Es bedeutet, dass es sich lohnt.“

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Sich geschützt, anerkannt, aufgehoben und sprechfähig zu fühlen – darum gehe es. Das sei die Utopie, auf die das Kollektiv hinarbeite. Tanz und Musik spielen in diesem Prozess eine prägende Rolle. Menschen sollen sich mit der Verarbeitung schwieriger Themen, etwa Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen, nicht hilflos oder allein fühlen, sagt A. „Diese Dinge werden gemeinsam verarbeitet. Aber dann dürfen wir uns auch leicht fühlen. Und das kommt durch Bewegung. Wir sind damit aufgewachsen, dass tanzen eine Form der Heilung ist. Sie gibt Menschen die Kraft, weiterzumachen.“

"Nicht nur nach außen, auch nach innen soll Abya Yala Libre ein Schutzraum sein, der Fragen und auch Fehler zulässt. Zur Entwicklung politischer Diskurse, neuen Begrifflichkeiten und der Ausrichtung feministischer Strömungen. Deshalb lese das Kollektiv gemeinsam wichtige, aktuelle Publikationen oder bilde sich durch Inputs von Menschen mit anderen Perspektiven fort, erklärt Andy. „Teile von uns sind sehr privilegiert aufgewachsen und damit auch in Deutschland gestartet – etwa hinsichtlich der Bildungschancen. Dass unter anderem das nicht die Norm ist, dafür wollen wir uns immer wieder sensibilisieren“, sagt Andy. Durch diese Selbstreflexion habe sich nach und nach die Positionierung der Gruppe manifestiert. Schwarze Feminismen, Feminismen der städtischen Mittelklasse, indigene und nicht-indigene Gemeinde-Feminismen, Ökofeminismen und dekoloniale Feminismen erkenne das Kollektiv an. Große, wirksame Widerstände und Rebellionen seien entscheidende Einflüsse: „Dazu gehören die Zapatisten, die feministischen Bewegungen, die Organisationen der indigenen und afro-deszendenten Gemeinschaften. Außerdem würdigen wir die Tradition des Kampfes und des Nonkonformismus auf unserem Kontinent, innerhalb Europas, einem Kontinent, der die gegebenen Verhältnisse akzeptiert und verinnerlicht hat.“

Eins ist dabei wichtig: Das Kollektiv engagiert sich nicht nur für das Community-Building in Leipzig. Auch in Abya Yala sollen die Aktionen Wirkung entfalten. Die Einnahmen des Sommerfests kommen daher Initiativen vor Ort zugute. Ein Beispiel ist Casa Nem – eine Unterkunft für unter anderem transgeschlechtliche Personen in Rio de Janeiro. Auch eine zivile Vereinigung zur Suche von Vermissten und Menschenrechtsverteidiger*innen in Mexiko hat auf diesem Weg Unterstützung erfahren. Neben weiteren Projekten in Chile und Kolumbien.

Für Abya Yala Libre Leipzig soll das Sommerfest auch in Zukunft ein Fixpunkt sein, begleitet von vielen weiteren Aktionen, Konzerten, Performances, Demonstrationen. Was sich das Kollektiv erhofft, ist zudem ein eigener Raum, den sie gemeinsam mit anderen Projekten gestalten können. Und vielleicht brauche es auch eine Vereinsgründung, um Dinge strukturell zu vereinfachen, meint B. Um das zu schaffen, benennt A. einen entscheidenden Hebel: Der Schlüssel für gesellschaftliche Mitgestaltung sei Zusammenhalt: „Auch wenn manche Menschen nicht unbedingt daran glauben, wie wir die Sachen machen, zeigen wir, dass es funktioniert. Wir zeigen, dass eine Welt möglich ist, in der jede Person teilnehmen darf und teilhaben kann."


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